Lisa Sonnenschein
Im Fischer Verlag ist heute ein unheimlich beeindruckendes Buch erschienen, von dem ich euch gerne kurz berichten würde. Vorsicht, die Thematik berührt und nimmt mit...!
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Zu meiner Videorezension geht es ab Minute 4:30.


Das Leben an der Opportunity Highschool ist ein idyllisches. Jeder kennt jeden und Autumns Jahrgang steht kurz vor dem Abschluss - endlich College! Aber dann kommt alles anders und die Rede der Rektorin zum Semesterbeginn in der Aula endet tödlich, alle Ausgänge sind verschlossen. Und die Schüler sehen sich mit dem Jungen mit der Waffe konfrontiert...

Die Thematik "Amoklauf" ist mir in literarischer Verarbeitung noch nicht begegnet. Ich wusste daher auch nicht so richtig, wie sehr es mich endeffektlich mitnehmen würde. Der Leser begegnet verschiedenen Schülercharakteren - da ist Autumn, für die Tanzen im Leben einfach alles ist - oder Tyler, der sich von seiner Schwester verlassen fühlt. Von jedem einzelnen lernt man die Beweggründe und Hintergrundinfos Stück für Stück kennen. Immer wenn man meint, die Person, die grade erzählt, gut zu kennen, erfährt man etwas Neues. Das wirkt auch nicht künstlich, sondern hält die Geschichte am Leben und bildet ein bisschen den Roten Faden. Perspektiven werden durchgewechselt, mal erlebt man die Situation in der Aula, mal die von außerhalb.

Das Buch ist sprachlich unheimlich gelungen! Die Atmosphäre kommt sehr gut rüber - es wird aber auch bewusst mit Emotionalität und Drama gespielt (zum Beispiel durch Geschwisterkonstellationen). Das schlägt sich besonders im großen Finale nieder. Da kam mir die Handlung tatsächlich ein paar mal "konstruiert" vor - es stehen verschiedene Schüler aus unterschiedlichen Gründen auf einmal auf, um dem Angreifer die Stirn zu bieten und finden in einer unfassbar stressbelasteten Situation auch direkt die richtigen Worte und ihre Beherrschung. Besonders weil es wiederholt geschieht, erschien mir das nicht besonders glaubwürdig.
Dem emotionalen Ablauf hat das aber keinen Abbruch getan. Ich habe an der ein oder anderen Stelle auch wirklich ein Tränchen vergießen müssen...

Insgesamt ist "54 Minuten" ein unheimlich beeindruckender Roman, der besonders ein jüngeres Publikum ansprechen dürfte (ich kann es mir zum Beispiel auch gut als Schullektüre vorstellen). Ich hatte jedenfalls noch einige Tage daran zu knabbern und war froh, dass mein Freund ein dankbarer Diskussionspartner war ;). Eine Empfehlung für alle, die sich in eine so schwere Situation hineinversetzen wollen!
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Marieke Nijkamp: 54 Minuten - Jeder hat Angst vor dem Jungen mit der Waffe. Erschienen am 21.09.2017 im Fischer Verlag. Kostenpunkt: 14,99€ broschiert.
Lisa Sonnenschein
Es ist da! Das erste Buch der neuen Reihe - "Die Abenteuer des Apollo" von Rick Riordan. Die Abenteuer des Gottes spielen in der altbekannten Welt um griechische und römische Mythologie und auch unser Held Percy Jackson spielt seine Rolle...
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Apollo kann es gar nicht fassen. Vom Himmel gefallen, aller göttlichen Kraft beraubt, ist der Gute komplett auf sich selbst gestellt und findet sich gleich zu Anfang seiner irdischen Abenteuer im Müllcontainer und von Schlägern bedroht wieder. Nachdem er durch Zufall die schlagfertige Meg kennengelernt hat, machen sich beide auf den Weg nach Camp Half-Blood, von den Halbgöttern dort versprechen sie sich Hilfe und Antworten...

Wer Lust hat, sich das Unpacking noch einmal anzuschauen, der sei dazu gerne hier eingeladen:


Vorweg: Ich kenne die Reihe "Die Helden des Olymp" noch so gar nicht - konnte aber trotzdem die Finger nicht von diesem Buch lassen ;). Ich empfehle euch aber auf jeden Fall, nicht mit diesem Buch den Einstieg in die Bücher von Rick Riordan zu wagen, sondern bei Percy Jackson anzufangen - die Spoiler im Buch sind dann doch erheblich.

Ein riesiger Positivpunkt dabei: Das Buch ist die richtige Mischung aus Nostalgie und neuen Charakteren und Handlungssträngen. Wir treffen Percy und andere bekannte Campbewohner und erfahren, was aus allen geworden ist - aber Meg und Apollo sind als Gespann und Mittelpunkt der Geschichte auch eine tolle neue Komponente. Es macht unheimlich Spaß, Altes wiederzuentdecken und Neues zu erleben! Apollo selbst konnte ich trotz Narzismus und ewigem Gejammer, unheimlich gut leiden und habe sehr oft über seine Einstellung (die doch manchmal wirklich absurd ist...) gekichert.
Der Sprachstil von Riordan ist dabei wie gewohnt jugendlich, spritzig und vielleicht ein bisschen bissig - ganz so wie man es kennt und liebt.

Zwei kleine Negativpunkte habe ich dann aber doch noch. Erstens verwirrt mich immer wieder dieser Mix von griechischer und römischer Mythologie - Apollo erzählt so zum Beispiel mehrfach, wie er den Sonnenwagen fährt (Mein Gedanke: Hä? Das war bei den Griechen doch Helios!) und nennt auf der anderen Seite seine Schwester beim griechischen Namen (Artemis). "Klugscheißerin!", werdet ihr schreien. Ja, vielleicht - mich als Riesenfan der griechischen Mythologie wirft sowas aber aus der Bahn...
Zweitens wirken einige Gegebenheiten, die unseren Protagonisten auf die richtige Bahn lenken, doch sehr konstruiert. So spricht wegen der Vorbereitungen eines sportlichen Ereignisses niemand im Camp mit Apollo, der grade so ungefähr die wichtigste Entdeckung des Jahrhunderts gemacht hat. Wie praktisch für den Spannungsbogen, dass nun erstmal der Wettlauf absolviert werden muss... Ich gebe aber zu, auch hierüber kann man hinwegsehen - entnervt geseufzt habe ich an der Stelle aber trotzdem!

Na gut, von den kleinen Mäkeleien mal abgesehen war auch dieses Buch von Rick Riordan wieder einmal gnadenlos unterhaltsam, witzig und spannend. Es überzeugt mit starken Charakteren und doch der ein oder anderen überraschenden Wendung. Ich habe es wahnsinnig gerne gelesen und bin gespannt, wie es mit unserem egozentrischen Helden Apollo weitergeht - da erwartet uns noch so einiges!
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Rick Riordan: Die Abenteuer des Apollo - Das verborgene Orakel. Erschienen am 31. August 2017 im Carlsen Verlag. Kostenpunkt: 17,99€ als Hardcover.
Lisa Sonnenschein
Endlich gibt es wieder Nachschub vom Großmeister der Skurrilität (gleich nach Terry Pratchett). Und im Nachwort erklärt der Autor seine Veröffentlichungspause sogar selbst. Für die Zusammenarbeit mit Lydia Rode, die unter dem Chronischen Fatigue Syndrom leidet, mussten andere Projekte erstmal ruhen. Die Berliner Illustratorin hat mit dieser Erstveröffentlichung eine unheimliche Leistung gebracht und etwas ganz Eigenes geschaffen - obwohl die Nähe zu den Zamonienromanen von Moers erkennbar bleibt.

Ebenfalls witzig: Neben dem Buch gibt es noch eine "Zeitschrift" zum Thema Schlaf dazu, in der Ausschnitte aus dem Roman amüsant aufbereitet werden.
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Prinzessin Dylia wird seit jeher von hartnäckiger Schlaflosigkeit geplagt. Bei allen negativen Nebenwirkungen, die das so mit sich bringt, hat sie aber auch nach den längsten schlaflosen Phasen die kreativsten Einfälle und verrücktesten Ideen. Doch eines Nachts begegnet ihr der Nachtmahr Havarius Opal und kündigt an, sie in Bälde in den Wahnsinn zu treiben. Er nimmt sie mit auf eine erstaunliche Reise in ihre eigenen Gedanken - und konfrontiert sie unter anderem mit Geistgeistern, Zergessern, Grillos und Irrschatten.

Nach den ersten vierzig Seiten war ich zugegeben tierisch enttäuscht von diesem Buch. Da gab es ewige Aufzählungen und Wortspielereien der Protagonistin, die nur teilweise im weiteren Verlauf des Buches wieder aufgegriffen wurden. Für einen Zamonien-Roman begegnen dem Leser hier auch erstaunlich wenige Wesen aus der Welt von Moers - überwiegend befinden wir uns in der Psyche von Prinzessin Dylia. Diese hat zwar immer wieder Moerssche Sonderlichkeiten zu verzeichnen, führt uns aber nicht tiefer nach Zamonien, wie ich es mir eigentlich gewünscht hatte.

Ich hatte das Gefühl, dieses Buch ist wie die persönliche Geschichte der Illustratorin aufgebaut. Moers reist als Nachtmahr mit ihr durch ihre eigenen Gedanken und man merkt, wie sich Moers mit Themen rund um Schlaf und Schlaflosigkeit und dem Gehirn an sich auseinandergesetzt hat. Wer aber "einen klassischen Moers" erwartet hat, der wird hier nicht voll auf seine Kosten kommen. Vielmehr bekommt der Leser eine Liebeserklärung an die junge Dame, die nicht weniger das Herz rührt.
Nach einem für mich eher langatmigen Einstieg nahm dann aber die Geschichte an Fahrt auf und auch wenn mich nicht alle Passagen packen konnten und ich nicht völlig hingerissen war, habe ich mich in der Handlung letztendlich doch wohlgefühlt. Die Illustrationen sind ein absoluter Traum (höhö). Sie entfernen sich nicht zu weit vom Altbekannten, bringen aber auch ihren ganz eigenen Stil mit ein, der dem Buch durchaus guttut.

Alles in allem ein Buch, von dem ich mehr erwartet hatte. Mit dem schwergängigen Einstieg und begrenztem Erlebnisraum gab es für mich zu viele Hemmnisse im Lesefluss, immer wieder musste ich das Buch an die Seite legen. Dennoch finden sich die typischen Wortspielereien des Autors und der leicht philosophische Hintergrund auch in diesem Zamonien-Roman von Walter Moers wieder. Als Intermezzo ist es also durchaus ein gut lesbares Buch...
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Walter Moers: Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr. Erschienen am 28. August 2017 im Knaus Verlag. Kostenpunkt: 24,99€ als Hardcover.

Lisa Sonnenschein
Endlich ist sie da! Die langersehnte Fortsetzung von "Die Magie der Namen", dem Gewinner des Piper Awards auf wattpad und seit Kurzem auch Preisträger des "Deutschen Phantastik Preises" in der Kategorie "Bestes Debüt". Und gleich zu Beginn des zweiten Teils erwartet uns eine ganz neue Welt...
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Anderta kann ihr Unglück nicht fassen. Auf einmal findet sie sich in einer Wirklichkeit wieder, die sie nicht als ihre eigene erkennen kann. Alles ist verdreht und ganz offensichtlich von jemandem beeinflusst. 
Die Passario, die die Magie ihres Namens bisher dazu eingesetzt hat, sich und ihren Geliebten zu bereichern, wird von nichts anderem mehr getrieben, als dem Wunsch nach ihrem alten Leben...

Anderta ist eine Protagonistin, mit der ich wirklich lange nicht warm geworden bin. Anders als Tirasan im ersten Teil ist sie auch nicht unbedingt eine Sympathieträgerin. Sie sieht vieles nicht, was mir offenbar war, sie ist stur und aufbrausend. Aber sie macht eine unheimliche Entwicklung durch und nennt außerdem eine sehr spannende Namensmagie ihr eigen, die sie zwar mit Tirasan aus dem ersten Band teilt (klar, sie haben ja denselben Nachnamen), die aber doch so ganz anders ist und ein bisschen den roten Faden der Geschichte bildet.

Der zweite Band ist handlungstechnisch eine würdige Fortsetzung! Endlich erfahren wir, was sich alles verändert hat, welche Auswirkungen auf Land und Leute das Finale von "Die Magie der Namen" hatte. Gemeinsam mit den Charakteren der Geschichte können wir die Buchwelt ganz neu entdecken - ein wirklich schöner Prozess! "Die Magie der Lüge" ist aus dem Grund auch eigentlich mehr ein ganz eigener Fantasyroman, bringt er doch ganz eigene Charaktere und ganz eigene Konflikte mit sich.

Das ist durchaus ein Pluspunkt - schade fand ich dahingegen, dass die Charaktere nicht so differenziert daherkamen, wie ich das aus dem ersten Teil kannte. So sind hier viele Namen an mir vorübergezogen, die neu vorgestellten Charaktere waren entweder Vertreter der Fraktion "Alles geht den Bach runter, jeder für sich!" oder der Einstellung "Lass uns erstmal drüber reden, alles wird gut". Im Prinzip sind mir hier also zwei Lager begegnet, von denen auch zu Beginn schon klar war, dass sie sich irgendwo in der Mitte treffen würden...?

Ganz anders dann das große Finale! Ich wusste gar nicht, wohin mit meinen Emotionen - da bin ich dann wirklich dahingeschmolzen und konnte es nicht erwarten weiterzulesen, wollte aber auch nicht, dass es aufhört! Hach... Emotionen sind ohnehin ein wichtiger Punkt in diesem Buch - und das nicht nur auf romantischer Ebene, sondern auch ganz basal zwischen Mutter und Kind.

Insgesamt war ich von diesem zweiten Band leider nicht ganz so begeistert wie vom Reiheneinstieg. Vielleicht hängt das mit den unheimlich hohen Erwartungen zusammen, die ich aus "Die Magie der Namen" mitgebracht habe. Viele emotionale Irrfahrten der Protagonistin und ein recht klassischer Handlungsablauf haben mir beim Lesen ein bisschen den Schwung genommen. So ist "Die Magie der Lüge" für sich genommen nämlich eigentlich ein sprachlich einwandfreies, bildgewaltiges Buch, das mit einer ganz neuen Idee daherkommt (auch in Abhebung vom ersten Teil) und uns die kreativ geschaffene Welt noch ein Stückchen näherbringt.
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Nicole Gozdek: Die Magie der Lüge. Erschienen am 1. September 2017 im ivi-Verlag. Kostenpunkt: 16,00€ als Hardcover.
Lisa Sonnenschein

"Mein Name passt nicht zu mir." - das denken wahrscheinlich viele Nummern bei ihrer Namensgebung in unserer Welt. Denn mit dem Namen kommen Fähigkeiten und Aufgaben - eine eigene Geschichte also. Als ich meinen Namen erhielt, glaubte ich an einen Fehler. Mein Name ist 

Idaja Sheris Elluren.

Nur ein dreiteiliger Name. Und dann auch noch eine Lebensaufgabe als Chronistin, die das ständige Reisen, Reiten, Unterwegssein mit sich bringt. Ich hasse Pferde. Ich habe sogar eine Allergie gegen sie. Und meine Reisekrankheit wirft mich für Tage aus der Bahn, wenn ich ein Schiff auch nur anschaue.

Ich war eben schon immer eher eine Stubenhockerin und habe gelesen oder Schriften zu bestimmten Themen verfasst. Nun habe ich durch meine Sesshaftigkeit die wohl begehrteste Aufgabe meiner Zunft erhalten: Ich darf die Chroniken der Herrscherdynastien verfassen!
Ich muss so nur selten reisen, kann mich ganz in meine Arbeit vertiefen und darf mit Bescheidenheit behaupten, auch schon eine gewisse Bekanntheit erreicht zu haben...

Denn besonders Fürstin Imlanda legt höchsten Wert darauf, keine Details über ihr Privatleben nach außen dringen zu lassen. Doch ich kann sehr gut zuhören - und ich habe Zeit. Mein Name dauert an, er wird weitergegeben - und die großen Namensarchive vergessen nie.

Mancher liebt mich für meine analytische Beobachtungsgabe, viele hassen mich. Aber so oder so habe ich bewiesen: Dein Name gehört zu dir und sei er noch so überraschend. Und auch dreiteilige Namen können es zu etwas bringen, man muss kein Passario sein, um das zu erkennen!
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"Die Magie der Lüge" von Nicole Gozdek erscheint am 1. September 2017 und ist die Fortsetzung des Romans "Die Magie der Namen". Weitere Infos und den Klappentext findet ihr hier.
Lisa Sonnenschein
Dieses Buch hat seinen Weg zu mir durch die Agentur Mainwunder gefunden. Vielen Dank erstmal dafür :)!

Es wird politisch! Für ein Buch über Rechtspopulismus, den Umgang mit Interkulturalität und Islamismus hat sich der Autor intensiv mit den Themen beschäftigt und ist sogar einer populistischen Partei beigetreten. Im Vordergrund steht dabei aber nicht plumpe Hetze in die eine oder die andere Richtung, sondern das Verstehen-Wollen - das in der Debatte häufig viel zu kurz kommt. Aber von vorne:
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Thomas führt ein ziemlich normales bis langweiliges Leben. Das ändert sich schlagartig, als er eines Abends von Flüchtlingen überfallen und fast ausgeraubt wird. Thomas beginnt, sich Fragen zu stellen und sein Leben zu überdenken - und dank eines Kumpels findet er sich bald bei einer Podiumsdiskussion der "Besseren Deutschen" wieder. Einer Partei, die für Prozente bei der anstehenden Wahl zu allen Mitteln greift...

Das Ganze ist dann in Form eines Krimis wiedergegeben - und das ist auch der große Joker, den der Autor hier ausspielen kann! Er bewegt sich nämlich eigentlich auf sehr dünnem literarischen Eis - er darf keine Wertung in seine Handlung einfließen lassen. Ich hatte zugegebenermaßen einige Bedenken, als ich das Buch in Händen hielt (ich linke Socke ich...), denn beim Thema Fremdenhass gibt es bei mir keine Diskussion. Leif Tewes umgeht aber diese Grundsatzdebatte sehr geschickt, indem er einen tatsächlichen Kriminalfall um die politischen Gegebenheiten herum stattfinden lässt. So folgt man den Ermittlungen des Protagonisten Kommissar Berg und bekommt ganz nebenbei Einblick in die berühmt-berüchtigten abendlichen Stammtischrunden oder die (mutmaßliche) Argumentation eines Islamisten. Das ist spannend gemacht und provoziert nicht - Chapeau für diesen Spagat!

Sprachlich und thematisch ist "Alternativen" also absolut gelungen - für mich hat sich das auch in der Handlung fortgesetzt. Komissar Berg, der hier eigentlich schon in seinem zweiten Fall ermittelt (auch Unwissende wie ich finden hier aber den Einstieg!), ist ein sehr sympathischer Protagonist, die Spannung wird durch immer neue Wendungen und geschickte Zusammenarbeit der handelnden Personen aufrechterhalten. Besonders mochte ich das Ende, das sehr realistisch gehalten wurde und mir zusätzlich ein gehöriges Päckchen Stoff zum Nachdenken mit auf den Weg gegeben hat.

Mein Fazit: Ein intelligenter Krimi, dessen Umsetzung mich beeindruckt hat! Wer Interesse an der politischen Thematik mitbringt und sich darauf einlässt, wird hier gleich doppelt gerne mitlesen - von mir gibt's beide Daumen nach oben.

Und ein kleines Schmankerl am Ende: Ihr, die ihr politisch interessiert seid, probiert doch mal den Musik-O-Maten aus. Anhand des Musikgeschmacks wird die für euch passende Partei ermittelt. Nicht ganz ernst zu nehmen, aber durchaus witzig ;)
Einfach hier klicken.
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Leif Tewes: Alternativen. Erschienen am 3. August 2017 im Größenwahn Verlag. Kostenpunkt: 16,90€ als Taschenbuch.
Lisa Sonnenschein
Heute ist Andrea zu Gast! Sie hat ein Buch mitgebracht, das irgendwie so völlig außerhalb meiner Aufmerksamkeit erschienen ist. Trotzdem habe ich nach ihrer Rezension irgendwie Lust es zu lesen - wie geht's euch? Vorhang auf für dich, liebe Andrea :)!
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"Wenn es die Zeit nicht gäbe", sagte Peter Taler, "dann würde alles auf einmal passieren."
"Es ist nicht die Zeit. Es ist die Veränderung. Sie ist es, die alles trennt, die Ordnung schafft und uns Vorher, Jetzt und Nachher schenkt.", antwortete Knupp.
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Zwei Witwer und ein absolut verrücktes Experiment

Peter Taler und Albert Knupp sind nicht nur Nachbarn in einer kleinen Schweizer Siedlung, sondern haben darüber hinaus eine besondere Gemeinsamkeit: Beider Leben ist durch das plötzliche Witwerdasein aus den Fugen geraten. Taler sucht immer noch nach dem Unbekannten, der seine Frau Laura vor der Haustür erschossen hat. Er selbst war es, der sich Zeit beim Öffnen der Tür gelassen hat, sonst würde Laura vielleicht noch leben. Sein Nachbar, der achtzigjährige Albert Knupp hingegen ist nach dem plötzlichen Malariatod seiner Frau Marta vor 20 Jahren zum ruppigen Einzelgänger der Siedlung geworden. Auch er fühlt sich schuldig am Tod seiner Frau, weil er die Feriendestination ausgesucht hat, in der sie sich mit dem Virus infizierte.

Taler und Knupp würden die Zeit zurückdrehen, wenn sie könnten... Aber wer sagt, dass das unmöglich ist? Laut Albert Knupp vergeht die Zeit nämlich in Wirklichkeit nicht, sondern das Verfließen von Zeit wird lediglich durch Veränderungen simuliert. Der Rentner kann seinen jungen Nachbarn für seine Zeit-Philosophie und ein wahnwitziges Experiment gewinnen, das die Vergangenheit verändern könnte.
Knupp will sich mit Talers Hilfe in der Zeit zurückversetzen - das gelingt nur, wenn er den 11. Oktober 1991 detailgetreu rekonstruieren und alle Veränderungen rückgängig machen kann. Ob es den beiden rechtzeitig gelingt, der Zeit ein Schnippchen zu schlagen, ist ungewiss, denn Taler stößt gleichzeitig auf Spuren, die zu Lauras Mörder führen...
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Der Roman ist eine Mischung aus Krimi und Philosophiebuch, das heißt, es ist sehr spannend geschrieben, aber gleichzeitig denkt man noch Tage später über den Inhalt nach. Man begleitet die Hauptfigur, Peter Taler, durch den Text, während er den Mörder seiner Frau genau so verbissen sucht wie eine zufriedenstellende Beschreibung der Zeit.
Bei den Disputen zwischen den beiden Witwern kommt man auch als Leser ins Grübeln. Ist die Zeit ein Strukturierungselement, das unser Leben in gestern, heute, morgen einteilt, oder geschieht vielmehr alles gleichzeitig? 
Diese Theorien sind allerdings meiner Meinung nach auch ein kleiner Schwachpunkt des Buches, weil sie nicht wirklich leicht zu verstehen sind, wenn man nicht grade selbst tieferes philosophisches Wissen hat. Ich selbst fand sie nicht sonderlich schlüssig. 

Was mich an dem Buch aber sofort in den Text gezogen hat, ist die einfache Sprache: Es gibt keine ausschweifenden Beschreibungen von Details oder Gemütszuständen, sondern nur reine Sprache, die wie bei Haruki Murakami (Afterdark ist sehr zu empfehlen!) oder Franz Kafka spartanisch, aber trotzdem bildhaft erzählt.

Alles in Allem ist "Die Zeit, die Zeit" ein gelungener und spannender Roman mit überraschenden Wendungen, der einen durch die große Spannung selbst gegen die Zeit anlesen lässt.
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Martin Suter: Die Zeit, die Zeit. Erschienen am 23. Oktober 2013 im Diogenes Verlag. Kostenpunkt: 12,00€ als Taschenbuch.