Lisa Sonnenschein
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind...

Ich liebe die Ballade vom Erlkönig und habe mich schon lange gefragt, warum bei allen Märchenadaptionen noch niemand auf die Idee gekommen ist, diese Geschichte neu niederzuschreiben. Jetzt ist es passiert - der perfekte Anlass, euch ein paar Infos zur Sagengestalt "Erlkönig" zukommen zu lassen! 
Wer keine Ahnung hat, wovon ich hier eigentlich grade rede, kann sich hier noch mal das komplette Gedicht zu Gemüte führen.
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Die Statue des Erlkönigs bei Jena.
Quelle: Lofor - CC BY 2.5
Die Figur des Erlkönigs stammt zunächst mal gar nicht von Goethe selbst. Im deutschsprachigen Raum hat Johann Gottfried Herder sie erfunden - durch eine falsche Übersetzung. Bei der Übersetzung der Ballade "Erlkönigs Tochter" aus dem Dänischen machte er nämlich aus dem "Ellerkonge" (Elfenkönig) den "Erlkönig" (von "Eller/Erle"). So eigen ist der Erlkönig also gar nicht - vielmehr fungiert er als väterliche Gestalt der Elfen in vielen Gedichten nicht nur in Dänemark.
Letztere sind dabei aber immer verführerisch-verlockende Wesen, die den Menschen selten etwas Gutes wollen. In der dänischen Ballade versuchen sie zum Beispiel, einen jungen Mann in der Nacht vor seiner Hochzeit "zum Tanz" zu verführen.
Diese Anziehungskraft wirkt natürlich auch ihr König aus. In Goethes Ballade versucht er, einen kleinen Jungen in sein Reich zu ziehen - "Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt." Immer steht er in Verbindung mit Wäldern und der Natur - sowohl der Vater bei Goethe als auch der junge Mann bei Herder versuchen verzweifelt, sich in die nächste Siedlung zu retten, die Schutz vor der Verfolgung des Erlkönigs bietet.
In keiner der Geschichten über den Erlkönig endet die Begegnung gut, immer bringt der "Elfenkönig" Verderben und Tod. Er ist die Stimme der Verführung, der man nicht entkommen kann - er und seine Töchter verfügen über die unbrechbare und unbezähmbare Macht der Natur.

Mit diesem Bild vom Erlkönig bin ich also an "Wintersong" gegangen und war unheimlich gespannt, was die Autorin aus der Sage machen würde.
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Liesl führt ein Leben nur für ihre Familie. Als stille Komponistin unterstützt sie ihren Bruder Josef, dem eine aussichtsreiche Karriere als Violinist bevorsteht, als stille Bewunderin ihre Schwester Käthe, die für ihre Schönheit von allen bewundert wird.
Als sich ihr immer wieder ein mysteriöser Fremder in ihrer Nähe zeigt, muss Liesl zum ersten Mal ihren eigenen Weg finden...

das Buch fängt toll an - neben der geheimnisvollen Welt unter dem Koboldhain wird uns hier auch noch eine Welt voller Musik gezeigt. Die Welt der großen Komponisten und berühmten Orchester. Schön dargestellt wird auch die große Anziehungskraft von Wald und Erlkönig, die Liesl erfahren muss.
Aber dann verstehe ich das Buch einfach nicht mehr...

Von einer mysteriösen, sogar düsteren Geschichte, die mich wirklich reizen konnte, geht die Autorin zu einer kitschigen, substanzlosen Liebesgeschichte über, die für mich überhaupt nicht funktioniert hat. Immer wieder versucht sie, neu in den Zwiespalt zwischen Anziehung und Verderben einzusteigen - durch die Verwendung bekannter Motive, einer recht einfachen Sprache und der völligen Entzauberung des Erlkönigs (der ja auch eigentlich mit Kobolden gar nichts am Hut hat?) gelingt ihr das so gar nicht mehr.
Ich hatte so ein bisschen das Gefühl, dass die ganzen ausweglosen Handlungsstränge, die von der Autorin eingeflochten wurden, erst beim Schreiben wirklich "gelöst" wurden, was den weiteren Handlungsverlauf nach dem spannenden Auftakt durchschaubar und oberflächlich werden ließ.

Mir ist nach etwa der Hälfte des Buches einfach kein Wiedereinstieg gelungen und ich habe unheimlich lange gebraucht, um das Buch zu beenden. Ein Lichtblick waren die immer mal wieder auftauchenden anderen Sagengestalten in der Geschichte (Wechselbälger, Loreley [ja, im Plural] und eben die Kobolde).

Schade, hier wurde meiner Meinung nach Potenzial verschenkt - ich bleibe dann wohl doch lieber bei Goethe und dem klassischen König der Wälder ;)!
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S. Jae-Jones: Wintersong. Erschienen am 1. Dezember 2017 im Piper Verlag. Kostenpunkt: 15,00€ broschiert.