Lisa Sonnenschein
Heute ist Andrea zu Gast! Sie hat ein Buch mitgebracht, das irgendwie so völlig außerhalb meiner Aufmerksamkeit erschienen ist. Trotzdem habe ich nach ihrer Rezension irgendwie Lust es zu lesen - wie geht's euch? Vorhang auf für dich, liebe Andrea :)!
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"Wenn es die Zeit nicht gäbe", sagte Peter Taler, "dann würde alles auf einmal passieren."
"Es ist nicht die Zeit. Es ist die Veränderung. Sie ist es, die alles trennt, die Ordnung schafft und uns Vorher, Jetzt und Nachher schenkt.", antwortete Knupp.
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Zwei Witwer und ein absolut verrücktes Experiment

Peter Taler und Albert Knupp sind nicht nur Nachbarn in einer kleinen Schweizer Siedlung, sondern haben darüber hinaus eine besondere Gemeinsamkeit: Beider Leben ist durch das plötzliche Witwerdasein aus den Fugen geraten. Taler sucht immer noch nach dem Unbekannten, der seine Frau Laura vor der Haustür erschossen hat. Er selbst war es, der sich Zeit beim Öffnen der Tür gelassen hat, sonst würde Laura vielleicht noch leben. Sein Nachbar, der achtzigjährige Albert Knupp hingegen ist nach dem plötzlichen Malariatod seiner Frau Marta vor 20 Jahren zum ruppigen Einzelgänger der Siedlung geworden. Auch er fühlt sich schuldig am Tod seiner Frau, weil er die Feriendestination ausgesucht hat, in der sie sich mit dem Virus infizierte.

Taler und Knupp würden die Zeit zurückdrehen, wenn sie könnten... Aber wer sagt, dass das unmöglich ist? Laut Albert Knupp vergeht die Zeit nämlich in Wirklichkeit nicht, sondern das Verfließen von Zeit wird lediglich durch Veränderungen simuliert. Der Rentner kann seinen jungen Nachbarn für seine Zeit-Philosophie und ein wahnwitziges Experiment gewinnen, das die Vergangenheit verändern könnte.
Knupp will sich mit Talers Hilfe in der Zeit zurückversetzen - das gelingt nur, wenn er den 11. Oktober 1991 detailgetreu rekonstruieren und alle Veränderungen rückgängig machen kann. Ob es den beiden rechtzeitig gelingt, der Zeit ein Schnippchen zu schlagen, ist ungewiss, denn Taler stößt gleichzeitig auf Spuren, die zu Lauras Mörder führen...
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Der Roman ist eine Mischung aus Krimi und Philosophiebuch, das heißt, es ist sehr spannend geschrieben, aber gleichzeitig denkt man noch Tage später über den Inhalt nach. Man begleitet die Hauptfigur, Peter Taler, durch den Text, während er den Mörder seiner Frau genau so verbissen sucht wie eine zufriedenstellende Beschreibung der Zeit.
Bei den Disputen zwischen den beiden Witwern kommt man auch als Leser ins Grübeln. Ist die Zeit ein Strukturierungselement, das unser Leben in gestern, heute, morgen einteilt, oder geschieht vielmehr alles gleichzeitig? 
Diese Theorien sind allerdings meiner Meinung nach auch ein kleiner Schwachpunkt des Buches, weil sie nicht wirklich leicht zu verstehen sind, wenn man nicht grade selbst tieferes philosophisches Wissen hat. Ich selbst fand sie nicht sonderlich schlüssig. 

Was mich an dem Buch aber sofort in den Text gezogen hat, ist die einfache Sprache: Es gibt keine ausschweifenden Beschreibungen von Details oder Gemütszuständen, sondern nur reine Sprache, die wie bei Haruki Murakami (Afterdark ist sehr zu empfehlen!) oder Franz Kafka spartanisch, aber trotzdem bildhaft erzählt.

Alles in Allem ist "Die Zeit, die Zeit" ein gelungener und spannender Roman mit überraschenden Wendungen, der einen durch die große Spannung selbst gegen die Zeit anlesen lässt.
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Martin Suter: Die Zeit, die Zeit. Erschienen am 23. Oktober 2013 im Diogenes Verlag. Kostenpunkt: 12,00€ als Taschenbuch.