Lisa Sonnenschein
Hier tut sich gerade eine neue Thriller-Reihe des Bestsellerautoren auf. Ich durfte reinlesen und damit heute auch die erste Rezension zu einem "Ethan Cross" überhaupt schreiben :).
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August Burke ist kein Ermittler, wie er im Buche steht. Weil er das Asperger-Syndrom hat, fällt es ihm schwer, andere Menschen und ihre Handlungen richtig einzuschätzen. Auf der anderen Seite hilft ihm diese Fähigkeit zur nüchternen Einschätzung auch dabei, anspruchsvolle Kriminalfälle zu lösen - und so wird er an den Schauplatz einer dramatischen Geiselnahme gerufen...

Einen Ermittler mit einer geistigen "Einschränkung" dieser Art zu begleiten, ist aus Autorensicht gleich doppelt knifflig. Erstens versagt Burke auf zwischenmenschlicher Ebene völlig, was ihn für einen Leser unsympathisch machen könnte. Zweitens ist es als "Psychotypischer", wie Burke selbst sagt, unheimlich schwer, sich in das Denken und Handeln Betroffener hineinzuversetzen. Beides hat Ethan Cross allerdings meisterlich bewältigt. August Burke war für mich ein leicht verschrobener, aber durchaus bewundernswerter Kriminalberater. Ich kenne mich mit Asperger überhaupt nicht aus, aber die Einblicke, die uns in Burkes Psyche gewährt werden, waren für mich absolut überzeugend und berührend. Burke weiß, dass er anders ist und wo seine Schwächen liegen - trotzdem würde er nie mit anderen tauschen wollen.
Beeindruckt haben mich auch die beiden anderen Ermittler, die uns durch einen Perspektivwechsel zwischen den Kapiteln nahegebracht werden. Die Charaktere fand ich wirklich klasse und divers.

Eher schade war, dass die Handlung keine nennenswerten Besonderheiten enthielt. Es gibt Wendungen und Actionszenen, aber irgendwie konnte mich der Hintergrund der Geschichte nicht so richtig packen - es geht viel um das Hickhack zwischen den Geheimdiensten und Machtspielchen. 
Das Ende hat zu meiner neutralen Haltung nicht unwesentlich beigetragen und so hatte Burke - der Ermittler, den ich eigentlich das ganze Buch über toll ausgeglichen fand! - mit dem Finale seinen "Justus Jonas"-Moment und lässt die völlig verfahrene Situation aus dem Handgelenk heraus platzen. Das fand ich wirklich schade, denn die ganze Zeit über schafft es Cross, den genialen Denker eben nicht als gnadenlos überlegen darzustellen. Die Ermittler ergänzen sich im Gegenteil wunderbar und müssen sich unterstützen, um weiterzukommen.

Schade - die Charaktere hätten hier Anlass zu mehr Tiefe gegeben. Alles in allem war aber "Spectrum" für mich immer noch ein guter Thriller, der spannend und unterhaltsam war und mit einem Protagonisten daherkommt, der in nachfolgenden Fällen bestimmt noch glänzen wird.
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Ethan Cross: Spectrum. Erschienen am 21. Juli 2017 bei Bastei Lübbe. Kostenpunkt: 11,00€ als Taschenbuch.