Lisa Sonnenschein
Dieses Buch wird wohl schon als Lektüre in der Schule eingesetzt - und verstehen kann ich's, die Geschichte ist lehrreich, ohne aufgesetzt zu wirken. Vielen Dank lieber Carlsen Verlag für das Rezensionsexemplar von diesem Buch.
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David und seine Clique sind genervt. Genervt von der Schule, genervt von ihren Eltern und genervt von ihrem Viertel, das ihnen von Tag zu Tag runtergekommener erscheint. Als ihnen beim Schule-Schwänzen ein kleines dunkelhäutiges Mädchen über den Weg läuft, das offensichtlich Läuse hat, ist klar: Dieses "Dreckstück" müssen sie entlausen!

Was mich an dem Buch so beeindruckt (und mitgenommen) hat, ist seine Einfachheit. Die Charakterkonstellation ist eine, die man auch aus der eigenen Schulzeit kennen könnte - ein strebsames Mädchen, die Extrovertierte, der Junge mit der neutralen Haltung allem gegenüber, was ihn nicht betrifft. Die Jugendlichen in diesem Buch haben durch ihre klischeehafte Zeichnung wenig Tiefgang (wie auch in einem 96-Seiten-Buch). Das ist aber auch nicht das, worauf es ankommt.

Vielmehr interessant für den Leser sind die gruppendynamischen Prozesse, die im Hintergrund der Handlung stehen. Keiner der Jugendlichen kann zu irgendeinem Zeitpunkt begründen, warum sie handeln wie sie handeln. Es gibt keine große Eskalation und niemand hat hier eine deutliche rechtsextreme Haltung. Im Gegenteil: Alle Charaktere kommen aus gutem Haus und hatten eine angenehme Kindheit. 
"Dreckstück" verdeutlicht gruselig authentisch, "wie schnell's gehen kann". Wie gleichgültig eine Gruppe von Menschen handeln kann, die sich gegenseitig in ihrer Gleichgültigkeit noch bestätigt. Als Leser möchte man gleichzeitig schreien ob der furchtbaren Ungerechtigkeit, die da passiert und kann gleichzeitig nicht so richtig mit dem Finger auf das deuten, was falsch läuft. Ein Effekt, der mich erst mal für zwei Tage grübelnd lahmgelegt hat.

Schade war, dass der Protagonist David (der neutrale Junge) einen Hang zur Selbstanalyse hat und ständig versucht, seine und die Handlungen der anderen in Beziehung zu einem Erlebnis aus der Vergangenheit zu setzen. Das war mir ein wenig zu viel und nicht ganz authentisch, weil es nicht so richtig zu ihm gepasst hat, aber vermutlich durch die Erzählform unausweichlich. Auch Floskeln wie "Die Zeitungen würden später xyz titeln" hatten für mich einen eher reißerischen Charakter und ich wäre gut ohne sie ausgekommen - ein bisschen haben sie die Authentizität des Buches verletzt.

Mein Fazit: Ein sehr beeindruckendes Buch, das durch einen einfachen Sprachstil besticht. Wer einen reißerischen Teenager-Roman sucht, ist hier an der falschen Adresse, wer es atmosphärisch mag und sich gerne auf Gruppenprozesse einlassen mag (à la "Die Welle"), der sollte hier mal reinlesen.
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Clémentine Beauvais: Dreckstück. Erschienen am 30. Juni im Carlsen Verlag. Kostenpunkt: 5,99€ als Taschenbuch.
2 Responses
  1. Ja Bücher die sich mit solch schwerer Kost befassen sind immer etwas besonderes. Leider zeigt uns die Realität immer wieder dass wir aus Fehlern nicht lernen und uns dann am stärksten fühlen wenn wir als Gemeinschaft schwächere Unterdrücken können.


  2. Eine schöne Rezension zu einem in jeder Generation aufkommenden Thema. Kinder können grausam sein, besagt ein Spruch. Leider kenne ich es selbst nur zu gut, Opfer zu sein in der Schule. Allerdings war ich auch immer stolz darauf, kein Mitläufer zu sein und eben negativer Gruppendynamik wiederstehen zu können. Das Buch setze ich mal auf meine Wunschliste. Lg Nadine von Nannis Welt