Lisa Sonnenschein
Hier tut sich gerade eine neue Thriller-Reihe des Bestsellerautoren auf. Ich durfte reinlesen und damit heute auch die erste Rezension zu einem "Ethan Cross" überhaupt schreiben :).
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August Burke ist kein Ermittler, wie er im Buche steht. Weil er das Asperger-Syndrom hat, fällt es ihm schwer, andere Menschen und ihre Handlungen richtig einzuschätzen. Auf der anderen Seite hilft ihm diese Fähigkeit zur nüchternen Einschätzung auch dabei, anspruchsvolle Kriminalfälle zu lösen - und so wird er an den Schauplatz einer dramatischen Geiselnahme gerufen...

Einen Ermittler mit einer geistigen "Einschränkung" dieser Art zu begleiten, ist aus Autorensicht gleich doppelt knifflig. Erstens versagt Burke auf zwischenmenschlicher Ebene völlig, was ihn für einen Leser unsympathisch machen könnte. Zweitens ist es als "Psychotypischer", wie Burke selbst sagt, unheimlich schwer, sich in das Denken und Handeln Betroffener hineinzuversetzen. Beides hat Ethan Cross allerdings meisterlich bewältigt. August Burke war für mich ein leicht verschrobener, aber durchaus bewundernswerter Kriminalberater. Ich kenne mich mit Asperger überhaupt nicht aus, aber die Einblicke, die uns in Burkes Psyche gewährt werden, waren für mich absolut überzeugend und berührend. Burke weiß, dass er anders ist und wo seine Schwächen liegen - trotzdem würde er nie mit anderen tauschen wollen.
Beeindruckt haben mich auch die beiden anderen Ermittler, die uns durch einen Perspektivwechsel zwischen den Kapiteln nahegebracht werden. Die Charaktere fand ich wirklich klasse und divers.

Eher schade war, dass die Handlung keine nennenswerten Besonderheiten enthielt. Es gibt Wendungen und Actionszenen, aber irgendwie konnte mich der Hintergrund der Geschichte nicht so richtig packen - es geht viel um das Hickhack zwischen den Geheimdiensten und Machtspielchen. 
Das Ende hat zu meiner neutralen Haltung nicht unwesentlich beigetragen und so hatte Burke - der Ermittler, den ich eigentlich das ganze Buch über toll ausgeglichen fand! - mit dem Finale seinen "Justus Jonas"-Moment und lässt die völlig verfahrene Situation aus dem Handgelenk heraus platzen. Das fand ich wirklich schade, denn die ganze Zeit über schafft es Cross, den genialen Denker eben nicht als gnadenlos überlegen darzustellen. Die Ermittler ergänzen sich im Gegenteil wunderbar und müssen sich unterstützen, um weiterzukommen.

Schade - die Charaktere hätten hier Anlass zu mehr Tiefe gegeben. Alles in allem war aber "Spectrum" für mich immer noch ein guter Thriller, der spannend und unterhaltsam war und mit einem Protagonisten daherkommt, der in nachfolgenden Fällen bestimmt noch glänzen wird.
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Ethan Cross: Spectrum. Erschienen am 21. Juli 2017 bei Bastei Lübbe. Kostenpunkt: 11,00€ als Taschenbuch.
Lisa Sonnenschein
Na endlich hat es das furiose Finale der Tearling-Trilogie auch zu mir geschafft. Vom ersten und zweiten Band war ich ja einfach nur hingerissen und habe daher sehr verzweifelt auf diesen hier gewartet.

Meine Videorezension dazu seht ihr hier ab Minute 13:19.



Immer noch sind wir mit Kelsey unterwegs, die in diesem Teil einfach nur von einem Problem ins nächste stürzt - eine feindliche Armee vor der Tür, selbst völlig machtlos, getrennt von allen, die ihr wichtig sind. Und dann ist da ja auch noch diese geheimnisvolle dunkle Macht, die aus dem Gebirge immer näher zu kommen scheint. Was hat Kelsey da nur entfesselt...

Endlich kommt alles zusammen! Wir erfahren hier die Geschichte der Überfahrt und was unsere Zeit eigentlich mit der von Kelsey verbindet (dass es da ein bindendes Glied gibt, war ja auch schon im ersten Teil klar - Irrungen und Wirrungen inklusive).
Der Schreibstil dieses Buches ist nach wie vor einfach packend. Auch diesen Teil hatte ich innerhalb von zwei Tagen weggefrühstückt, obwohl er immerhin 600 Seiten hat. Irgendwie kommt man bei dieser Autorin unheimlich schnell in einen Lesefluss, der einen nicht mehr loslässt.

Allerdings hat mich auch ein bisschen was gestört - zum einen gibt es da einige Ungereimtheiten in der Handlung. Dadurch, dass eine Verbindung zwischen dem Jetzt und Kelseys Welt geschaffen werden muss, verstrickt sich die Autorin in einige Logikfehler (oder irrationale Handlungen der Protagonisten). Die sind zwar nie so dramatisch, dass man sich laut darüber ärgern würde, häufen sich aber und fallen irgendwann auf.

Zum Zweiten wird Kelsey in diesem Teil wirklich von einer Schwierigkeit in die nächste geworfen. Ich habe mich schon am Anfang des Buches gefragt, wie Erika Johansen all die Herausforderungen auflösen will, mit denen der Leser konfrontiert wird. Die Antwort ist einfach: Auf einer epischen Heimreise quer durch's Land bieten sich die Lösungen quasi von selbst. Und so stolpert Kelsey scheinbar durch bloßen Zufall genau in die Arme der richtigen Menschen, um ihr Dilemma zu lösen. Das wirkt konstruiert und gewollt - irgendwie "hölzern". Das Ende ist dramatisch, ich fand es aber gut gelöst, auch wenn ich verstehen kann, dass der Aufschrei bei den Fans laut war...

Alles in allem finde ich diese Buchreihe aber nach wie vor absolut gelungen, die Entwicklung, die die Protagonistin und auch die Geschichte selbst durchmachen, machen unheimlich Spaß und durch die leichtgängige Lesbarkeit mag man über so manche logische Verzettelung auch einfach "weglesen". Während der erste Teil noch als klassische Jugendfantasy mit starker Hauptfigur losging, wurde es im zweiten Teil zunehmend düster. Hier im dritten Teil kann man schon fast von Darkfantasy sprechen, hinzu kommen die politischen Verstrickungen, die man auch als Leser nicht objektiv lösen könnte und die zu kniffligen ethischen Entscheidungen führen. Eine Stärke der Autorin ist nach wie vor die Charakterentwicklung - so schließt man nicht nur die Protagonistin ganz schnell in sein Herz, mir haben es besonders die Nebencharaktere angetan.
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Erika Johansen: Die Königin der Schatten, Verflucht. Erschienen am 26. Juni 2017 im Heyne-Verlag. Kostenpunkt: 14,99€ broschiert.
Lisa Sonnenschein
Hallo und und willkommen auf meinem Blog! Heute macht die Blogtour zu "Hero - wenn mein Herz schreit" von Sarah Hauck bei mir Halt. Das 30 Seiten lange Buch erzählt vom Verlust der ersten Liebe - und warum dieser Verlust die Erzählerin einen Helden gekostet hat. 
Ich habe mir mal Gedanken dazu gemacht, was denn ein Held überhaupt ist.
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Heute ist der letzte Tag der Blogtour, gestern waren wir unterwegs bei Lea's Bücherwelt (da gab es einige Gedanken zum Buch) und vorgestern hat die wunderbare Büchernixe zehn Tipps gegen Liebeskummer zusammengestellt. Schaut auch bei den beiden oder im Facebook Event gerne mal vorbei =).
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Bevor ich jetzt den Duden mal um seinen weisen Rat frage - überleg dir mal für einen Moment, lieber Leser, was ein Held für dich ist. Kannst du es festmachen? Nein? Ging mir auch so ;).

a) (Mythologie) durch große und kühne Taten besonders in Kampf und Krieg sich auszeichnender Mann edler Abkunft (um den Mythen und Sagen entstanden sind)
b) jemand der sich mit Unerschrockenheit und Mut einer schweren Aufgabe stellt, eine ungewöhnliche Tat vollbringt, die ihm Bewunderung einträgt.
c) jemand der sich durch außergewöhnliche Tapferkeit im Krieg auszeichnet und durch sein Verhalten zum Vorbild [gemacht] wird.

Drei Dinge fallen auf. Erstens scheint der Held ausdrücklich männlich zu sein (das liegt aber an meiner Eingabe - ich hätte auch "Heldin" eintippen können). Zweitens scheint ein Held verflixt viel zu kämpfen, in zwei von drei Definitionen kommt das Wort "Krieg" vor. Und drittens scheint ein Held sogar etwas Passives sein zu können - in der letzten Definition kann ein Held auch "gemacht" werden.

Foto von Pixabay
Genau dieser letzte Punkt ist für mich auch der Knackpunkt. Ein Held wird stets zu einem gemacht - wer das tut und unter welchen Umständen, das ist vermutlich nicht mal ihm selbst überlassen. Vielleicht folgt er nur seinen Idealen? Vielleicht handelt er nur instinktiv? Die Zuschreibung "Held" kommt dann von außen - dabei ist es egal, von wie vielen Menschen. Dass der Held auch ganz klein sein kann, zeigt auch der Kosename "mein Held", der in Beziehungen manchmal (nicht ganz ernstgemeint?) fällt. Fakt ist: Ein Held, den keiner so nennt/sieht, ist keiner. Mann kann nicht für sich selbst Held sein. Mann kann etwas Großes im Geheimen vollbracht haben - dann ist man aber kein Held, der muss eben von anderen Menschen als solcher anerkannt werden.

Kurzum: Ob mein Held jetzt Millionen Menschen das Leben gerettet hat, sich aufgeopfert hat für andere, oder einfach nur "mein" Held ist, sich für mich einsetzt und in ganz kleinem, persönlichen Rahmen Großes leistet - er unterscheidet sich in seinem "Heldsein" in der Zuschreibung durch andere. Einmal ist er ein global bekannter Held, vielleicht wird er auf der Straße erkannt, es entsteht ein Personenkult um ihn - und in der zweiten Definition ist er meine eigene kleine Vorbild-Figur, der ich evtl. viel verdanke. Der "Kampf" des Helden selbst ist also eine Frage der Wahrnehmung, er selbst muss sich nicht unbedingt anstrengen, um ein Held zu sein (wir denken mal zum Beispiel an diese Preise, die für Zivilcourage verliehen werden - ganz oft ist für die Menschen selbstverständlich, was sie da getan haben und sie würden ihre Taten nie als "groß und kühn" bezeichnen).


Ein Held im kleinen Rahmen ist für die Erzählerin in "Hero" ihr Freund, der ihr viel gegeben hat, sie aus so manchem Loch gezogen hat und doch fragt man sich bei jedem Helden auch immer wieder - wie ist er eigentlich zum Antihelden geworden...?
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Sarah Hauck: "Hero - Wenn mein Herz schreit". Erschienen via CreateSpace. Kostenlos über kindle unlimited lesbar. Ansonsten ist der Kostenpunkt: 0,99€ als eBook.
Lisa Sonnenschein
Dieses Buch durfte ich als Rezensionsexemplar lesen (vielen Dank an den Rowohlt Verlag) und mein Interesse wurde geweckt, als ich in der Kurzbiografie der Autorin las, dass sie Philosophie studiert und Aspekte aus dem Fach in ihre Bücher einfließen lässt. Eine Fachkollegin! Los geht's :)
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Adam Eli ist vermutlich das, was man eine verkrachte Existenz nennen würde. Nach einer turbulenten Jugend mit Gewalt, Drogen und Bootcamp in Bolivien inklusive, hat der Mann diverse Fächer studiert und hält sich mit Ghostwriting-Aufträgen über Wasser. Sein Leben plätschert so vor sich hin, bis er eine mysteriöse Mail erhält - seine Jugendliebe ist nach einem geglückten Diebstahl auf der Flucht. Und Adam ist der einzige, der sie finden kann...

Tut euch selbst einen Gefallen und lest den Klappentext dieses Buches nicht! Dort wird ein wichtiges Detail bekanntgegeben, das der Leser eigentlich erst in der Mitte der Handlung erfahren sollte (nämlich was die Gute entwendet hat) - deswegen war ich auch leicht irritiert, dass so ein Brimborium darum gemacht wurde, es steht ja bereits in der Inhaltsangabe?

Willenja und Adam sind saucoole Protagonisten - beide sind eher undurchsichtig, leiden unter ihrer Vergangenheit, halten aber auch an ihr fest, weil sie sie aneinander bindet. Generell ist die Charakterzeichnung der Autorin ausgezeichnet gelungen - obwohl sehr viele Personen handeln (die Kapitel sind aus verschiedenen Sichtweisen geschrieben), hat man doch am Ende des Buches das Gefühl, die Gefühlslage des einzelnen gut erfasst zu haben. Bei mir hat jedoch die Menge an Namen - die Charaktere heißen nun auch nicht gerade Tom und Emma - anfangs für ziemliche Verwirrung gesorgt und ich habe ein Weilchen gebraucht, um dahinter zu kommen, wer gerade dran ist.

Der Schreibstil ist einfach nur grandios! Die Autorin schafft es, gesellschaftlich superkomplexe Sachverhalte in ihre Handlung einfließen zu lassen, ohne dass man direkt ein Lexikon zur Hand haben muss - ich war unglaublich beeindruckt, wie atmosphärisch und detailreich sie schreibt, ohne sich zu verzetteln. Fantastisch fand ich die Thematik, die erst nur anklingt und dann zentral für die Geschichte wird: Was will der Mensch eigentlich im Leben? Was braucht es, um frei zu sein? All das gepaart mit Gesellschafts- und Wirtschaftskritik, ein bisschen Politik, aber immer so, dass man sich nicht stehengelassen oder überfordert fühlt. Auch ich mit dem wirtschaftlichen Interesse eines Goldfisches konnte also folgen und habe mich in der Handlung zuhause gefühlt ;) Ich musste nach einigen Textstellen außerdem erstmal wilde Diskussionen mit meinem Freund starten, weil ich solchen Redebedarf hatte.
Wer gerne miträtselt und sich packen lässt, ist hier bestens aufgehoben. Immer wenn man gerade meint, die Lösung erfasst zu haben, wird alles noch mal umgeschmissen und man fängt quasi von vorne an, Theorien aufzustellen. Die Wendungen habe ich überhaupt nicht kommen sehen und sie sind logisch und stringent aufgebaut und kommen nicht aus dem Nichts.

Mein Fazit: Ein packender Thriller mit vielen Handlungssträngen und überraschenden Wendungen, die aufgegriffenen Themen werden mich noch länger beschäftigen... Jenny-Mai Nuyen konnte mich sprachlich und inhaltlich wirklich überzeugen, mehr davon!
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Jenny-Mai Nuyen: Heartware. Erschienen am 21. Juli 2017 im Rowohlt Verlag. Kostenpunkt: 14,99€ broschiert.
Lisa Sonnenschein
Nachdem ich euch bei Facebook schon ganz schottisch angefixt hatte, habe ich es doch tatsächlich auch geschafft, mal das Rezensionsvideo zu Pia Guttensons Buch aufzunehmen. Ich bin der Autorin (damals!) auf der Leipziger Buchmesse begegnet und durfte ihr Buch entführen, das mich nach Schottland entführen durfte. Und von da aus ging es dann noch an ganz andere Orte...

Meine Videorezension beginnt bei Minute 3:20.


Isandora macht eine verdammt schwere Zeit durch - ihr Sohn ist verschwunden und ihr Leben inhaltslos geworden. Kurzerhand mietet sie sich in einer Pension in Schottland ein. Um zu sterben. Durch eine schicksalhafte Begegnung und ein geheimnisvolles steinernes Tor kommt jedoch alles anders als gedacht und Isa findet sich in einer Welt voller mystischer Wesen wieder. Elfen, Zwerge und schlurfende Moorguhls bevölkern eine Welt, die nicht ihre ist - oder doch?

Die Welt, die Pia Guttenson hier schafft, ist großartig! Eine epische Fantasywelt, wie ich sie liebe. Trotzdem bleibt der Bezug zur Gegenwart - nicht nur dadurch, dass Isa eben aus unserer Zeit stammt und kein mittelalterliches Weltbild mitbringt, sondern auch durch den guten Ian, den sie durch das Tor mitnimmt. Das Buch schafft dadurch einen leicht abgedrehten Spagat. Es ist einerseits eine Liebesklärung an Schottland, ein romantischer Liebesroman, wie er im Buche steht (höhö). Auf der anderen Seite wird der Leser aber auch in die besagte Highfantasywelt geworfen, die dann wieder ganz andere Storystränge verfolgt, als man sich das zuvor gedacht hat.

Das hat zur Folge, dass Tolkien-Liebhaber hier durch die romantischen Aspekte nicht auf ihre Kosten kommen und sich vermutlich über das ganze "schottische Klimbim" aufregen und die Schottlandverliebten, die sich auf eine Liebesgeschichte gefreut hatten, genervt von Zwergen und Elfen sind.
Für Genrespringer allerdings (und hier komme ich ins Spiel!) entwickelt das Buch genau dadurch seinen besonderen Reiz. Ich LIEBE die sprachlichen Ausflüge, die die Autorin hier ins schottische Gälisch macht und mein Hirn hatte beim gedanklichen Aussprechen der Ausdrücke für "mein Freund", "meine Liebste" oder "verdammt noch mal" seine helle Freude (für alle weniger sprachenthusiastischen Menschen gibt es aber auch ein Wörterbuch am Ende). Allein das und die Recherchearbeit für die historischen Hintergründe dieses Buches müssen ein unglaublicher Aufwand gewesen sein - interessierten Menschen kann ich da noch mal die Homepage der Autorin ans Herz legen.

Was mich dann aber doch geschafft hat? Die endlosen Turteleien zwischen zwei der Charaktere im Buch. Da war mir wirklich zu viel Schmalz und Klischee im Spiel und so manches Mal habe ich die Augen verdreht, weil die beiden sich mal wieder ein ruhiges Plätzchen gesucht haben... Vielleicht bin ich da einfach langweilig^^

Mein Fazit: Ein spannender Genremix! Für Fans der schottischen Kultur und Sprache und allen, die es werden wollen, kann ich hier eine klare Empfehlung aussprechen. Auch ich als unromantischer Stein mit Fantasyvorliebe habe das Buch sehr gerne gelesen ;).
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Pia Guttenson: Das steinerne Tor - Die Rückkehr. Erschienen am 11. September 2014 bei Create Space. Kostenpunkt: 14,90€ als Taschenbuch.
Lisa Sonnenschein
Dieses Buch wird wohl schon als Lektüre in der Schule eingesetzt - und verstehen kann ich's, die Geschichte ist lehrreich, ohne aufgesetzt zu wirken. Vielen Dank lieber Carlsen Verlag für das Rezensionsexemplar von diesem Buch.
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David und seine Clique sind genervt. Genervt von der Schule, genervt von ihren Eltern und genervt von ihrem Viertel, das ihnen von Tag zu Tag runtergekommener erscheint. Als ihnen beim Schule-Schwänzen ein kleines dunkelhäutiges Mädchen über den Weg läuft, das offensichtlich Läuse hat, ist klar: Dieses "Dreckstück" müssen sie entlausen!

Was mich an dem Buch so beeindruckt (und mitgenommen) hat, ist seine Einfachheit. Die Charakterkonstellation ist eine, die man auch aus der eigenen Schulzeit kennen könnte - ein strebsames Mädchen, die Extrovertierte, der Junge mit der neutralen Haltung allem gegenüber, was ihn nicht betrifft. Die Jugendlichen in diesem Buch haben durch ihre klischeehafte Zeichnung wenig Tiefgang (wie auch in einem 96-Seiten-Buch). Das ist aber auch nicht das, worauf es ankommt.

Vielmehr interessant für den Leser sind die gruppendynamischen Prozesse, die im Hintergrund der Handlung stehen. Keiner der Jugendlichen kann zu irgendeinem Zeitpunkt begründen, warum sie handeln wie sie handeln. Es gibt keine große Eskalation und niemand hat hier eine deutliche rechtsextreme Haltung. Im Gegenteil: Alle Charaktere kommen aus gutem Haus und hatten eine angenehme Kindheit. 
"Dreckstück" verdeutlicht gruselig authentisch, "wie schnell's gehen kann". Wie gleichgültig eine Gruppe von Menschen handeln kann, die sich gegenseitig in ihrer Gleichgültigkeit noch bestätigt. Als Leser möchte man gleichzeitig schreien ob der furchtbaren Ungerechtigkeit, die da passiert und kann gleichzeitig nicht so richtig mit dem Finger auf das deuten, was falsch läuft. Ein Effekt, der mich erst mal für zwei Tage grübelnd lahmgelegt hat.

Schade war, dass der Protagonist David (der neutrale Junge) einen Hang zur Selbstanalyse hat und ständig versucht, seine und die Handlungen der anderen in Beziehung zu einem Erlebnis aus der Vergangenheit zu setzen. Das war mir ein wenig zu viel und nicht ganz authentisch, weil es nicht so richtig zu ihm gepasst hat, aber vermutlich durch die Erzählform unausweichlich. Auch Floskeln wie "Die Zeitungen würden später xyz titeln" hatten für mich einen eher reißerischen Charakter und ich wäre gut ohne sie ausgekommen - ein bisschen haben sie die Authentizität des Buches verletzt.

Mein Fazit: Ein sehr beeindruckendes Buch, das durch einen einfachen Sprachstil besticht. Wer einen reißerischen Teenager-Roman sucht, ist hier an der falschen Adresse, wer es atmosphärisch mag und sich gerne auf Gruppenprozesse einlassen mag (à la "Die Welle"), der sollte hier mal reinlesen.
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Clémentine Beauvais: Dreckstück. Erschienen am 30. Juni im Carlsen Verlag. Kostenpunkt: 5,99€ als Taschenbuch.
Lisa Sonnenschein
Mädels! Das ist ein Buch für euch - wenn ihr euch mies fühlt, wenn ihr glaubt, grade stürzt alles Unrecht dieser Welt auf euch ein... Lest dieses Buch! Es ist so ein richtiges Beste-Freundinnen-Mama-Tochter-Ding.

Aber wir fangen mal vorne an. Meine Videorezension zu dem Buch beginnt bei Minute 4:53.


Im Klappentext bezeichnet sich das wunderhübsch illustrierte Buch ausdrücklich als "Nicht-Ratgeber". Die Frage ist aber - was ist es denn dann? Was man hier bekommt, sind kleine Liebe-dich-selbst-Lektionen für jeden Tag, oder auch mal über eine Woche oder mehr hinweg. Ausgelegt ist das Buch für Frauen mit Trennungsschmerz, aber auch ohne Liebeskummer kann Frau (so wie ich) hier eine ganze Menge über sich selbst lernen!

Das Buch ist dabei nicht idealistisch ausgelegt - es gibt auch Rückschläge, Tage, an denen man einfach nur leiden will. Die Lösung ist mal ein "Reiß dich zusammen, mach dies oder jenes" und mal ein "Trink ein Gläschen Wein und bemitleide dich selber". Durch außergewöhnliche, aber nie völlig verrückte Handlungsaufforderungen kommt man in die Verlegenheit, Dinge zu tun, die einem im eigenen Alltag sonst nie in den Sinn gekommen wären (Nimm Fotos von dir selbst auf, melde dich auf dem Internetportal xyz an, geh schöne Unterwäsche kaufen - nur für dich selbst!). Das Ziel ist nicht, einen tollen Partner zu finden oder nie wieder dem Ex oder der tollen Figur von damals hinterherzutrauern, sondern sich selbst einfach mal wieder toll zu finden, mal wieder Schwung reinzubringen und durch einen kleinen Schubs ganz viel positive Selbstwahrnehmung zu tanken. Und das klappt!

Mal im ernst - natürlich passt nicht jede "Lektion" in jeden meiner Tage - klar kommt auch mal eine Rückschlags-seite, wenn ich mich grade richtig gut finde, aber hey! Überblättern, nächste Seite - oder den Tag davor einfach noch mal durchziehen :) Hier wird nicht einem Kalender gefolgt, sondern ein bisschen der imaginären besten Freundin. Die hat übrigens eine ziemlich spitze Zunge - der Sprachwitz in dem Buch ist grandios (Lieblingswort: Hupsikalupsi - hat sich in meinem Alltag auch schon eingeschlichen) und wer nicht diese eine paradiesvogelige Freundin hat, die immer diese dezent anstrengenden Veranstaltungstipps außerhalb der eigenen Komfortzone gibt, findet sie hier!

So - jetzt habe ich irgendwie eine kleine Werbeanzeige statt einer Rezension für das Buch geschrieben, das hat es aber auch wirklich verdient^^. Ich kann diese kleine Alltagsflucht jeder empfehlen und meine Mutter hat mir am Telefon direkt drei ihrer Freundinnen genannt, die das gute Stück jetzt wohl demnächst im Briefkasten haben werden :D!

Macht's euch schön, ihr seid es wert!
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Alessandra Muni: Liebeskummer ciao! Phönix-Style. Erschienen am 10. März 2017 im Phönix-Style Verlag. Kostenpunkt: 28,50€ als Hardcover.