Lisa Sonnenschein
Heute mal was ganz Anderes! Der ewige Running-Gag bei Viellesern und Buchbloggern ist ja das ewige "Das Buch war besser!" nachdem man eine Neuerscheinung im Kino gesehen hat. Ich habe mal den direkten Vergleich gewagt und mir das Buch "Silence" von Shusaku Endo neben der gleichnamigen Verfilmung (Kinostart war der 2. März) von Martin Scorsese angeschaut. Mein größter Dank geht an den Concorde Filmverleih, der mir die Kinokarte hat zukommen lassen!
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Das Buch?
"Silence" spielt in einer außergewöhnlichen Zeit an einem außergewöhnlichen Ort - wir befinden uns um das Jahr 1640 herum in Japan. Was ich nicht wusste: Zu der Zeit wurden Angehörige des christlichen Glaubens dort konsequent verfolgt, gefoltert und ermordet. Trotzdem hatten sich diverse Untergrund-Gemeinden gebildet, sogenannte "Kakure kirishitan" (versteckte Christen). In "Silence" begleiten wir zwei portugiesische Pater auf ihrem Weg nach und durch Japan - eine sehr bedrückende Geschichte.


Das ist es auch, womit "Silence" vordergründig punkten kann. Die Atmosphäre im Buch bedrückt einen nachhaltig und obwohl bei Weitem auf der Gefühlsebene nicht alles ausgesprochen wird, steht viel zwischen den Zeilen. Das gilt nicht nur für den Protagonisten, sondern auch für alle anderen Figuren, mit denen der Leser konfrontiert wird. Auch die Entwicklung, die unser Protagonist Rodriguez durchmacht, als er beginnt, sich zu fragen, wie Gott zu alldem schweigen kann, wird eher indirekt vollzogen und löst sein sehr naives "Gott wird's richten!"-Denken ab. Ich muss gestehen, dass ich es zwischendrin doch sehr langatmig fand...

Sprachlich ist das Buch eigentlich kein Geniestreich (Anmerkung: Ich habe es auf Englisch gelesen), umso erstaunlicher ist es, wie wahnsinnig sensibel man diese Änderungen wahrnimmt. Wer sich von der Stimmung in einem Buch gerne auf diese Weise mitnehmen lässt, wird hier seinen Meister finden! Ich kann mir gut vorstellen, wie ein Martin Scorsese auf seinem Sofa sitzt und sich denkt "Was für eine tolle Atmosphäre! Das Buch muss ich verfilmen!". 


Gut, zugegeben, ganz so war es vielleicht nicht - Scorsese sagt selbst: „In der heutigen Phase meines Lebens grüble ich ständig über Themen wie Glauben und Zweifel, Schwäche oder das Schicksal des Menschen nach – und Endōs Buch berührt diese ganz direkt.” Klingt ja auch gleich viel seriöser! ;)


Der Film?

Martin Scorsese ist ja nun keine unbekannte Filmgröße (Gangs of New York, Shutter Island, Departed), hat mich also einiges erwarten lassen. Der Trailer hat mich dadurch neugierig gemacht, dass handlungstechnisch gar nicht viel passiert, die Atmosphäre aber wahnsinnig toll transportiert wird. Jetzt, da das Buch gelesen ist, finde ich ihn einfach viel gelungener, als als unbefangener "Mach mal 'nen Trailer an!"-Zuschauer.





Der Film schließlich ist einfach unglaublich nah an der Buchvorlage - ich bilde mir ein, einzelne Textpassagen wiedererkannt zu haben. So einen buchnahen Film habe ich wirklich bewusst noch nie gesehen. Das hat Vorteile, zum Beispiel kann nur so wirklich die Entwicklung rübergebracht werden, die unser Pater durchmacht. Andererseits hatte ich so mit denselben Längen zu kämpfen, wie auch schon im Mittelteil des Buches.
©Concorde Filmverleih

In der Besetzung brilliert Andrew Garfield - er war meines Erachtens nach wirklich die beste Wahl als Hauptdarsteller. Hier wurde eine hochemotionale Rolle absolut überzeugend umgesetzt. Schade fand ich die Drehbuch-Umsetzung von Garrpe - im Buch hatte ich den Eindruck, dass er der weisere, gesetztere der beiden Pater ist, im Film hat er die emotionalere Rolle eingenommen.

Insgesamt ist der Film ebenso wie die Buchvorlage ein Erlebnis, das leise daherkommt. Entwicklungen finden langsam statt und wer auf der Suche nach einem Actionfeuerwerk ist, sollte hier nicht weitersuchen. Vielmehr wird "Silence" fast schon psychologisch - die bedrückende Atmosphäre hat sich bis ins Publikum fortgesetzt, es war während und auch nach der Vorstellung unfassbar still.
©Concorde Filmverleih

Musikalisch ist der Film absolut minimalistisch angelegt. Oftmals lebt er von der "Silence" im Hintergrund, gelegentlich findet sich eine traditionell japanische Untermalung. Mehr hat Scorsese aber auch nicht nötig - die Bildgewalt und die wunderschöne Umgebung (gedreht wurde in Taiwan) tun ihr Übriges. Sehr häufig treten auch Naturgeräusche in den Vordergrund oder ja, auch ganz bewusst das Ächzen der Gefolterten...


Und wie war's jetzt?
"Silence" ist weder ein Buch für zwischendurch, noch ein Film für den lustigen Abend mit Freunden. Wir haben hier garantiert keine Verfilmung für jedermann - ein gewisser Hang zu historischen Zusammenhängen und/oder Japan im Speziellen sollte man glaube ich schon mitbringen, um hier zufrieden rausgehen zu können (oder man ist faul und liest wie ich den Wikipedia-Artikel). Man muss sich auf die Handlung einlassen und versuchen, Rodriguez' Handeln und seine Emotionen nachzuvollziehen. Dann kann der Film/ das Buch dieselbe Wirkung haben, wie bei mir - ich bin damit auf jeden Fall noch lange beschäftigt...
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©Concorde Filmverleih