Lisa Sonnenschein
Ja, ich habe es getan. Und seid euch sicher, das hier ist keine einfach Rezension für mich. Ich habe mich auf das englische Buch gestürzt und ein Bühnenstück gelesen - in diese beiden Umstände bin ich sehr schnell reingekommen, das Problem lag dann eher an anderer Stelle...

Meine Videorezension zum Buch beginnt bei Minute 3:56



So, haltet euch fest, denn das wird jetzt emotional!

Wir befinden uns 19 Jahre nach dem epischen Ende der Harry-Potter-Saga. Harry begleitet sein Söhnchen Albus (Severus) an das Gleis 9 3/4, wo er das erste Mal die Reise nach Hogwarts antreten soll. Sein großer Bruder ist dort schon bestens etabliert und seine kleine Schwester kann es kaum erwarten, auch endlich hinfahren zu dürfen. Doch irgendwie kommt alles anders, als die glückliche, kleine Familie Potter das erwartet hätte und Albus findet sich zusammen mit seinem besten Freund in einem Abenteuer wieder, das dem seines Vaters alle Ehre macht.

Okay - bevor ich irgendwas zum Schreibstil sage: Das Stück ist NICHT von J.K.Rowling geschrieben worden, sondern basiert auf einer Kurzgeschichte von ihr. Weil man für ein szenisches Bühnenstück ein bisschen andere Aspekte beachten muss, als für einen Roman, haben das die beiden Kollegen vom Theater übernommen. Das vorweg - und muss ich sonst noch was zum Schreibstil sagen? Es liest sich zwar flüssig und ist unterhaltsam, logischerweise kommen aber die Details nicht richtig zur Geltung (die im Theater gerne über das Bühnenbild ausgedrückt werden). So richtig atmosphärisch fühlt sich das Ganze also nicht an.

Dann zur Handlung. Ich mochte die Idee, Harrys Kinder in ihr eigenes Abenteuer zu begleiten - allerdings stellt sich heraus, dass es gar nicht so richtig ihr eigenes Abenteuer ist. Das ganze Stück besteht eigentlich aus Rückblenden (so viel sei gesagt: Ein Zeitumkehrer spielt eine entscheidende Rolle) und Rückbezügen auf die "alten" Bücher. Wenn euch irgendetwas in den Büchern bis über das Ende der Reihe hinweg beschäftigt habt, seid sicher: Es wird hier nochmal aufgegriffen!
Und das hat mir dieses Buch so richtig versaut. Denn der "Nostalgische Faktor" wird zwar bewusst rausgekramt, aber total mit Samthandschuhen angefasst. Bloß niemandes Andenken in den Schmutz ziehen! Bloß den Fans nicht auf die Füße treten! (Als Dumbledore gestorben ist, hat mich auch keiner gefragt!!!) 
Es liest sich, wie eine durchgeplante, bewusst konzipierte Fanfiction - und das hat mich SO wütend gemacht... Man lernt kaum neue Charaktere kennen und die alten bleiben oberflächlich angekratzt. Zudem finden sich Logikfehler in der Handlung (kommt davon, wenn man ausgerechnet über eine Zeitreise schreibt) und das nicht zu knapp.

Alles in Allem war ich als Harry Potter Fan der ersten Stunde WIRKLICH enttäuscht von dieser Aktion. Für mich kam es rüber wie ein "Wie bringen wir sie am besten zum heulen?" kombiniert mit "Uh, lass uns mal was Neues ausprobieren - wie wär's mit einem Theaterstück?". Geheult habe ich dann wirklich, aber vor Enttäuschung... Und endeffektlich muss ich jetzt wieder mit dem Stein der Weisen anfangen - denn Harrys Andenken kann ich so nicht stehenlassen, und ein bisschen Nostalgie hat dieser Nachschlag hier dann doch hervorgerufen...
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J.K.Rowling, Jack Thorne und John Tiffany: Harry Potter and the cursed child. Erschienen am 31. Juli 2016 bei der Little Brown Book Group. Kostenpunkt: 19,99€ als Hardcover.