Lisa Sonnenschein
Der Debütroman dieser Autorin hatte im englischsprachigen Ausland bereits großen Erfolg. Übermorgen wird schließlich die deutsche Übersetzung erhältlich sein - der Thriller setzt sich mit einer Kindesentführung auseinander und stellt dabei besonders die Medienschlacht darum herum in den Vordergrund.

Jean war glücklich mit ihrem Mann Glen. Bis er eines Tages der Kindesentführung bezichtigt wird - die kleine Bella ist aus dem Garten ihres Hauses verschwunden und als die Polizei Glen beschuldigt, stürzen sich die Reporter wie ausgehungerte Wölfe auf das Haus der Eheleute. Jean weiß nicht mehr, was sie überhaupt noch glauben soll.

Die Charakterzeichnung in diesem Buch ist sehr gelungen. Jean ist ein schüchternes Haus"fräuchen", immer unter der Knute ihres Ehemannes, nicht aufbegehrend oder neugierig. Das ändert sich im Laufe der Geschichte jedoch und sie übernimmt zunehmends Verantwortung. Glen tritt als Despot auf - überhaupt gibt es in diesem Buch eigentlich keine Figur, die mir so richtig sympathisch war. Der Hauptermittler gibt willkürlich Fakten an die Presse weiter, die rasende Reporterin tut (klischeehaft) alles für ihre Story. Zwar entwickeln sich die Protagonisten merklich, allerdings ändert das nicht unbedingt etwas an der Antipathie, die ich ihnen gegenüber empfinde. Die Beziehungen zwischen den Romanfiguren sind dabei allerdings sehr authentisch - besonders überzeugend fand ich die traumatisierte Mutter von Bella und ihre Innensicht, die man Stück für Stück erfährt.
Das Buch ist aus verschiedenen Blickwinkeln geschrieben - das jedoch nicht konsequent. Der Erzähler bleibt auktorial und es wird auch schonmal in einem Kapitel mit der Überschrift "Der Polizist" in die Sicht der Mutter des entführten Kindes gewechselt.

Der Sprachstil ist angenehm erwachsen - das passt auch zur Story, die sich eher allmählich entwickelt. Wer auf der Suche nach rasanten Verfolgungsjagden und blutigen Auseinandersetzungen ist, ist hier definitiv nicht an der richtigen Adresse. Man merkt vielmehr, dass die Autorin als Gerichtsreporterin tätig war - die mediale Auseinandersetzung mit dem Fall und die rhetorischen Schlachten vor Gericht nehmen eine wesentlich größere Rolle in dem Buch ein, als die Auflösung des Falles an sich.

Insgesamt hat mir das Buch recht gut gefallen. Der Fokus ist hier mal ein anderer und auch wenn die Story vereinzelt Längen hat - die Glaubwürdigkeit ist gewahrt. Ich würde der Autorin auch abnehmen, dass sie als Journalistin den Fall genau so erlebt hat. So richtig gepackt und durchgebeutelt hat mich die Autorin mit diesem Debüt allerdings leider nicht.
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Fiona Barton: "Die Witwe". Erschienen am 21. Mai 2016 im Wunderlich Verlag. Kostenpunkt: 16,99€ broschiert.